Digitale Selbstbestimmung und Datenhoheit werden dieser Tage ebenso intensiv diskutiert wie das Thema Datenschutz während der aufkeimenden Web-2.0-Epoche. Die Projektionsfläche ist KI. Das Stichwort lautet: Digitale Souveränität!
Eine Kummerbox, in die jeder was einwerfen darf
Digitale Souveränität ist aufgeladen mit allen möglichen frommen Wünschen, seitdem KI den Ring betreten hat. Es geht z.B. um lokale KI, um rechtliche und/oder vertragliche Aspekte (Vgl. US CLOUD Act oder DSGVO), um allgemeine Datenhoheit oder auch um wirtschaftliches Potenzial. Das Thema gibt als Projektionsfläche enorm viel her und jeder kann sich einen eigenen semantischen Zugang zusammenwurschteln. So passt es auch perfekt in einige Marketingprogramme, in argumentative Gebilde politischer Entscheidungsfindung, in Budgetplanungen und sonstwas.
Doch was ist eigentlich Datensouveränität in einem Unternehmen?
Ist es wirklich eine definitorische Unabhängigkeit von etwas? Ist es messbare Kontrolle über den Einsatz von x oder den Abfluss von y? Ist es eine normative Größe, die durch praktische, operative Maßnahmen evaluiert werden kann? Vermutlich eher nein. Vermutlich ist es eher ein abstrakter Wunsch, einer wie auch immer gearteten externen Einflussnahme zu entgehen. Also vermutlich ein konservatives, auf Protektionismus ausgerichtetes Wertgebilde.
Als solches ist es aber vernünftig und absolut rational nachvollziehbar, dass disruptive Technologien wie KI eine Reaktion hervorrufen, die viel mit Risikominimierung und einer Abwägung von Ursache und Wirkung zu tun hat.
Wenn ein Geschäftsmodell intellektuell deshalb entgleitet, weil eigene Vorkehrungen oder Reaktionen zu spät erfolgten oder weil das eigene intellektuelle Eigentum schutzlos einer technologisch-vampirischen Umwelt ausgesetzt wurde, dann sollten in einem Unternehmen die Alarmglocken ertönen.
Doch andererseits … souverän war hier nie etwas. Der Zustand, den man zu verteidigen glaubt, hat nie existiert — deshalb lohnt der Rückblick.
Recap: eine unsouveräne Sache
Das Web 2.0 und die Plattform-Ökonomie haben doch bereits vieles verändert und niemanden stört es mehr.
Beispiel: LinkedIn
Unternehmen oder auch viele Ausprägungen beruflicher Identitäten können heute ja fast keine neuen Kontakte mehr knüpfen, ohne auf LinkedIn präsent zu sein. LinkedIn hat hier zudem ein ausgeklügeltes und perfektioniertes Abo-System, verified badges, viel Schnick-Schnack, behavioristische Algorithmen, um 'Professionelle' zu binden und zu melken.
Ein echter Besucher auf einer Website kommt über Google oder über LinkedIn, aber eigentlich kaum mehr einfach so. Diese Zeiten sind vorbei. Souveräne, utopische Kommunikations- und Informationsströme gibt es schon lange nicht mehr. Sind in diesem Zusammenhang Unternehmen und Personen heute eigentlich souverän? Absolut nicht. Sie besitzen in den meisten Fällen weder die Infrastruktur, noch die Power, um digitale, kommunikative Orte nach den eigenen Prämissen zu verwenden.
Es gibt eben kein gesellschaftlich konsensfähiges oder dem Allgemeinwohl zuträgliches LinkedIn. Unternehmen hängen von diesen Plattformen ab. Und die Plattformen haben es vermocht, andere Optionen entweder zu verhindern, einzuschränken oder zu schlucken. Das Ziel ist immer, dass am Ende nur ein Spieler das Spielfeld besetzt. Es gibt wenig bis keine Auswahl, auch deshalb, weil die Masse träge ist. Auch deshalb, weil die Masse viel zu un-utopisch ist.
Beispiel: Twitter
Nachdem Musk aus Twitter X gemacht hat, versuchten viele das Ausweichmanöver. Hin zu Bluesky z.B. (welches auf dem dezentralen ATProto aufbaut). Doch da zu wenige diesen Move mitmachten, bleibt es eben bei X. Und Bot-Schwärme können dir dort ungehemmt und ungebremst ein X für ein U vormachen. Desinformationsmaschinen werden heute gerne von schrägen Milliardären besessen. Denn es ist praktisch eine Plattform zu besitzen, von der die Masse aufgrund ihrer Trägheit nicht entkommt.
Souveränität war bislang reine Phantasie.
Beispiel: E-Mail
Zwar kann jeder (technisch gesehen) eine E-Mail schreiben. Man könnte auch eine Mail verschlüsseln. Doch in der Regel nutzen viele Unternehmen und Privatpersonen die Infrastrukturen anderer und verschlüsseln E-Mails nicht. Geheimdienste lesen mit, alle Daten liegen auf irgendwelchen Cloud-Infrastrukturen und in den meisten Fällen nicht auf einer Infrastruktur, die rein europäisch wäre und nicht in irgendeiner Weise US-Mutterkonzerne involviert. Von kommunikativer Souveränität muss hier in vielen Fällen also gar nicht erst gesprochen werden. Konversationen, vertragliche Abstimmungen, Rechnungen und ja tonnenweise SPAM fließen völlig wahllos als stetiger Strom der Signale durch den digitalen Äther.
Beispiel: Handy
Smartphones gehören in den allermeisten Fällen nicht mal mehr den Leuten. Aber auch auf die Apps, die sie nutzen, bzw. auf die App-Marktplätze, haben Leute keinen echten Einfluss. Es gibt nicht viele Optionen, was die Betriebssysteme betrifft. Aber natürlich auch nicht, was die Herstellungsprinzipien oder die Haltbarkeit betrifft. Projekte wie Fairphone treten den schmerzhaften Gegenbeweis an, dass man Dinge besser machen könnte. Doch meist freuen sich die Leute darüber, wenn sie einen neuen LinkedIn- oder X-Post zum neuen Falt-iPhone absetzen können. Souverän sieht leider anders aus.
Beispiel: klassische Computer
Ohne jetzt auf RAM-Preise oder neuere Entwicklungen einzugehen, muss mindestens ein kurzer Blick auf klassische PCs und Computer-Hardware geworfen werden. Denn der Trend seit den 90ern des letzten Jahrtausends (in dem ich noch einen alten Siemens-Nixdorf PC aus zweiter Hand aufgebretzelt habe) bis jetzt zeigt doch, dass in unseren Breiten immer weniger Hardware hergestellt oder zusammengeschraubt (man erinnere sich an Peacock) wurde. Früher hatten die meisten Unternehmen eigene Serverräume, wenn sie in irgendeiner Weise was mit Daten zu tun hatten. Heute liegt das meiste irgendwo in der Cloud. Nicht selten auf Infrastrukturen, die in irgendeiner Art und Weise mit US-Mutterkonzernen verflochten sind. Was also die reine Computerisierung Europas betrifft, kann man wirklich nicht von einer Situation sprechen, die mit dem Begriff der Souveränität einhergeht. Zumindest, wenn man dies auf die Herstellungsseite bezieht.
Souveränität hat viele Gesichter
Was digitale Plattformen und Hardware betrifft, haben wir also viele Jahre damit zugebracht, auf Souveränität zu pfeifen. Zwar gibt es inzwischen dank KI viele gute Vorsätze, Richtlinien und Strategien, aber mitunter fehlt es hier und da an infrastrukturellen Alternativen zu asiatischen oder US-amerikanischen Herstellern. Beim Thema TSMC ist ASML noch ein Pfund. Und es zeigt auf, wie Kompetenz zum Hebel werden kann. Denn einzigartige Kompetenzen, Produkte oder Dienstleistungen verbessern die Karten am Verhandlungstisch. Ob beim politischen oder wirtschaftlichen Kartenspiel. Wer nur schlechte Karten auf der Hand hat, kann nicht ersthaft mitspielen. Wer jedoch ein begehrtes Gut anzubieten hat, mit dem möchte man handeln und diskutieren.
Souveränität kann auch auf dieser Ebene betrachtet werden. Naiv wäre es jedoch zu glauben, dass diese Ebene ausreicht.
Und trotzdem: ein Hoch auf unsere digitale Souveränität
Auch trotz ihrer begrifflichen Unschärfe, ihrer protektionistischen Natur und ihrer völligen Unerreichbarkeit bleibt unsere digitale Souveränität ein gutes Ziel. Gesellschaften und die Einzelnen müssen lernen, ihre Trägheit zu überwinden, wenn dem Wunsch nach etwas mehr Selbstbestimmtheit auch reale Mehrwerte folgen sollen. Souveränität ist nicht eine komplett verkorkste Idee von absoluter Autonomie und digitaler 'Selbstversorgung', sondern vor allem ein normativer Handlungskorridor, der zu mehr Deutungs- und datenbezogener Selbstbestimmung durch den Abbau risikoreicher Abhängigkeiten führt. 100 % digital souverän kann man nicht sein, denn dies gibt die kommunikative Welt per Definition nicht her. Aber es macht sicherlich Sinn, zu überlegen, welches Souveränitätslevel man für sich selbst und für die Gesellschaft anvisiert. Viele Optionen sind besser als wenige, freies Denken erfordert nicht fremdbestimmte Infrastruktur, ohne Tauschware – kein Handel. Ohne Handel, keine Mitsprache. Souveränität ist politisch, aber auch eine erkenntnistheoretische Reflektion über die Welt.