In den 90er Jahren des letzten Jahrtausends wurde das Internet für alle ausgerollt. HTML verbreitete sich. Bildkompression. Nach der ersten Phase der AOL-isierung, die von Chats geprägt war, entstanden Projekte, die aus Konsumenten Prosumenten machte. Die Leute fingen an zu Bloggen, sich mit Flash-Intros für die eigene Website zu übertrumpfen. Wer kennt nicht DerBauer. Ich dachte immer, es handele sich um einen Landwirt, vielleicht meinte er aber Builder.
Tools von Macromedia und Adobe entstanden. Irgendwann auch 3D-Tools. Das Bauen von digitalen Inhalten wurde zu einer Sache, für die sich ein kommerzieller Anwendungsfall zeigte.
Ein paar Jahre vorgespult: ... nicht zuletzt durch Steve Jobs offenen Brief "Thoughts on Flash" und die darauffolgende Blockade von Flash auf iOS wurde Flash allmählich zu Grabe getragen. Das Web mutierte derweil zu einer Plattform, die sich für die Entwicklung von Content eignete, Videos, Marketing, das ganze Programm. Mobile Plattformen wurden zu App-Marktplätzen und alles was eine App hätte nur ansatzweise sein können, wurde auch als App umgesetzt.
Die kommerzielle Einhegung (man könnte es auch eine kommunikative Enteignung von jedermann nennen) des einstmals offenen Webs durch die Social Media Plattformen wie Facebook nährte nach und nach auch den gedanklichen Korpus, der für die Plattform-Ökonomie nötig war. Plattformen wurden zum neuen Gatekeeper und Intermediär von Leuten an all ihren Enden. Da es für Leute, im Ringen von Aufmerksamkeiten, immer schwieriger wurde das Gegenüber relevant zu erreichen, wurde Content zur industriellen Doktrin. Irgendwann wurde Content selbst behavioristisch, atomar auf die Zielgruppe ausgerichtet, um sie in ihren Entscheidungen zu manipulieren und um die Plattformen letztgültig zu vergolden.
Die pickligen Studenten von damals, die das disruptive Potential der digitalen Wertschöpfung hinter dem menschlichen Bedürfnis nach Austausch, Handel und Aufmerksamkeit am besten verstanden, sind nun Milliardäre, die natürlich andere Schlüsselstellen besetzen wollen. Ob bei KI, Kommunikation oder Raumfahrt.
Denn wer das Spice kontrolliert, hat die Macht über das gesamte Universum
Doch es gibt viele Unterschiede zwischen den Wurzeln der digitalen Empire zu heute, da sie regieren. Die Gilde der Builder arbeitet in anderen Voraussetzungen.
In den 90ern dauerte es sehr lange, bis man sich generalistisch durch Programmierung, Bildbearbeitung, Flash und infrastrukturelles ABC gegraben hatte. Also all jenes, was einen befähigte kompetent in der Herstellung digitaler Inhalte zu werden. Wenn man 3D oder andere Dinge benötigte (alles war da noch nicht für online ausgerichtet, sondern vielleicht für eine Software auf CD), wenn man noch fotografieren lernen musste usw., dann konnte das Zeit fressen.
Heute: Jede Kompetenz- und Wissenslücke innerhalb einer Produktionskette kann theoretisch durch KI gefüllt werden. Oder es gibt irgendein Tool, das einen bestimmten Schritt vereinfacht. Oder einen Service, ob für Hosting oder Bildbearbeitung. Die Welt ist zwar komplexer geworden, die Herstellung von Inhalten aber lediglich limitiert durch die Fantasie.
Und das ist der springende Punkt: die ökonomische Logik für die Erstellung von etwas hat sich komplett verändert.
Um 2006 im Alleingang bestimmte Dinge zu produzieren, musste man sich sehr genau überlegen, mit welchen Kompetenzen und Ausstattungen dies zusammenhing. Um sich selbst zu befähigen, x auszuführen, musste man y Stunden seines Lebens de facto investieren.
Um 20 Jahre später ein Projekt zu realisieren, ist weniger Zeitinvestition nötig.
Die Verkürzung dieser nötigen Zeitinvestition bedeutet, dass mehr Projekte sinnvoll erscheinen, die zuvor etwa ein sehr schlechtes Aufwand-Nutzen-Verhältnis (oder Kosten-Nutzen-Verhältnis) bedeutet hätten. Viele Dinge, die man heute nebenbei von Agenten erledigen lassen kann, hätte man früher selbst verrichten müssen. Das bedeutet zusätzlich, dass Building quasi-fabrikatorische Eigenschaften der Parallelität und Skalierung beinhalten kann.
Ein/e Builder/in von heute kann sich nicht mehr:
- an alte ökonomische Grenzen der Vernunft halten
- entlang seiner eigenen Fähigkeiten limitieren
- in linearen Herstellungsmodellen limitieren
- (zwingend) an proprietären Inhalts-Formaten orientieren
Ein/e Builder/in von heute kann:
- skalierbar arbeiten
- Ideen umsetzen, die sich an Phantasie und Kreativität orientieren, nicht an Machbarkeiten
- als eine Person nahezu alles produzieren
Werden diese Builder existieren?
Wie wahrscheinlich ist es, dass sich wie in den 90er Jahren eine neue Generation von Buildern aufmacht, um neue Welten zu erschaffen? Sehr. Warum?
1. Weil die Einstiegshürden deutlich geringer sind. 2. Weil niemand mehr Bock hat auf Musks oder Meta's / weil sich viele aus den Abhängigkeiten der vergoldeten Plattformen bewegen wollen. 3. Weil der Jobmarkt nicht mehr die Sicherheiten verspricht wie einst. 4. Weil die Welt multiplen Krisen ausgesetzt ist. In Krisen entstehen auch immer neue Sichtweisen darauf, wie man etwas machen könnte. 5. Weil es sinnvoll erscheint, in einer auf Effizienz ausgerichteten Welt Oasen der Kreativität und Innovation zu suchen. 6. Weil Menschen nicht aufhören werden, neue Dinge zu schaffen.
Was entsteht daraus?
1) Ein unlimitierter Wettbewerb, der vor allem für mittelgroße Unternehmen erhebliche Auswirkungen haben wird 2) Viele neue Kreationen, die zuvor aus ökonomischer Sicht sinnlos gewesen wären, z.B. im Nischensektor 3) Neue Nischen und subkulturelle Movements, da die Menge der Erzeugnisse sich nicht mehr rein an Standardisierung und normativen Regeln entscheiden muss, sondern an Einzigartigkeit, Relevanz und Kreativität. Den einzig verbleibenden USPs. 4) Eine Veränderung der Logik hinter jeder Return-on-Invest Betrachtung.
Die neue Gattung von Buildern sollte die Irrwitzigkeit der Geschichte erkennen: Dass nämlich die digitalen Hegemonialmächte aus der Motivation heraus, sich selbst zu erhalten und mächtiger werden zu lassen, etwas schaffen mussten, was ihre Vormachtsstellung im Kern gefährdet.
Das ist gut.
BUILDER ALLER LÄNDER - vereinigt Euch im Geiste einer neuen Epoche, in der es um die Gestaltung von Zukunft gehen kann. Eine erste Mission kann sein: Lasst uns das Internet zurückerobern!